26.03.1999: Busunglück

1999-03-26 Busunglueck03Gegen 20:08 Uhr erreichten erste Notrufe über einen „ Verkehrsunfall" die Zentrale Leitstelle des Rheingau- Taunus- Kreises. Durch weitere Notrufmeldungen wurde ersichtlich, dass es sich um einen Reisebus handelte, der im Baustellenbereich der A 3 Richtung Frankfurt, die Leitplanke durchbrochen hatte und anschließend eine 10 m tiefe Böschung hinabstürzte, ehe er auf dem Dach liegend, mit dem Heck in einem Bachlauf landend, zum Stehen kam. Daraufhin wurde die zuständige Stützpunktfeuerwehr der Stadt Idstein, und die Feuerwehren der Gemeinde Niedernhausen alarmiert. Zudem wurden Rettungsdienste und Notärzte aus dem Rheingau- Taunus- Kreis und den umliegenden Landkreisen zur Unfallstelle hinzugezogen. Bei den Insassen handelte es sich um eine 59- köpfige Schülergruppe aus den Niederlanden. Während die unverletzten Insassen mit Kleinbussen in eine nahegelegene Veranstaltungshalle gebracht wurden, kümmerte sich die Feuerwehr um die Rettung von zwei, auf der Rücksitzbank des Busses eingeklemmten Mädchen. Um ausreichend Platz für die medizinische und technische Rettung zu schaffen, wurden einige parallelen Sitzreihen durch die Feuerwehr entfernt.

 Nach einer Stunde konnte das Erste , und weitere 20 Minuten später das zweite Mädchen befreit werden . Beide Mädchen wurden mit Rettungshubschraubern in Uni- Kliniken geflogen. Während eines der Mädchen nach wenigen Tagen aus der Intensivstation entlassen wurde, verstarb das andere Mädchen. Nach Abschluß dieser Rettungsmaßnahmen konnte ein totes Mädchen geborgen werden, das zwischen Bus und einem Baum eingeklemmt worden war. Insgesamt waren 167 Einsatzkräfte der Feuerwehr aus dem gesamten Kreisgebiet eingesetzt. Der Rettungsdienst war mit 2 Leitenden Notärzten, 8 Notärzten, 19 Rettungswagen, 3 Rettungshubschraubern, sowie einer Vielzahl von Sonderfahrzeugen und Schnelleinsatzgruppen vor Ort.


Artikel aus 112 - Magazin der Feuerwehr

Am Freitag den 26.03.1999 verunfallte ein Reisebus kurz nach 20.00 h auf der A 3 zwischen Idstein und Niedernhausen.
Eine niederländische Schülergruppe aus Geleen bei Venlo war mit ihren Betreuern auf dem Weg zu einer Skifreizeit nach Osterreich. Bei dem Unfall wurden zwei Mädchen getötet, ein weiteres wurde schwer verletzt. 30 Jugendliche erlitten leichte bis mittlere Verletzungen, die teilweise stationär behandelt werden mußten.

Unfallhergang

Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand der Polizei ergeben sich folgende Informationen zum Unfallhergang: Der 24jährige Fahrer eines deutschen Busunternehmens hatte etwa drei Stunden vorher die 59 Kinder sowie die acht Betreuer aufgenommen. Ca. 5 km hinter der Anschlußstelle Idstein wurde durch den Bau der ICE- Trasse die Autobahn über den Standstreifen geführt. Der Busfahrer rammte einen gelb leuchtenden Blinkpfeil und kam im Anschluß von dem Standstreifen auf die unbefestigte Bankette; da der Bus nicht mehr manövrierfähig war, durchbrach er kurze Zeit später die Leitplanke und stürzte eine Böschung von ca. 10 m hinunter. Der doppelstöckige Bus überschlug sich und blieb kopfwärts auf der Böschung liegen. Einige Bäume hatten verhindert, daß sich das Fahrzeug überschlug und weiter rutschte. Der rückwärtige Teil des Busses landete genau in einem Bachlauf. Die Ermittlungen der Polizei haben ergeben, daß der Busfahrer weder die Geschwindigkeit im Baustellenbereich (80 km/h) übertrat, noch unter Alkoholeinfluß stand. Der Unfall wurde durch einen Fahrfehler verursacht.

Einsatzablauf

Um 20.08 h wurde die Zentrale Leitstelle Rheingau- Taunus von der Polizeiautobahnstation Idstein über einen "Unfall" informiert und setzte sofort die ersten Rettungskräfte des ASB Niedernhausen sowie des DRK Idstein in Marsch. Aufgrund weiterer Notrufmeldungen von Fahrzeugen, die zum Unfallgeschehen hinzukamen, wurde ersichtlich, daß es sich um einen Reisebus handelt. Es wurde davon ausgegangen, daß eine größere Anzahl von Personen verletzt sind. Somit wurden zusätzliche Einsatzkräfte erforderlich. Gemäß dem Alarm- und Einsatzplan wurden hierauf die umliegenden Feuerwehren der Gemeinde Niedernhausen sowie die Stützpunktfeuerwehr Idstein alarmiert. Hinzu kamen diverse Rettungsfahrzeuge und Notärzte aus dem gesamten Kreisgebiet sowie aus den Bereichen Wiesbaden, Frankfurt und Main- Taunus- Kreis. Die Koordinierung der Rettungskräfte erfolgte durch den leitenden Notarzt sowie den Organisatorischen Leiter Rettungsdienst; die Einsatzleitung lag beim Stadtbrandinspektor Idstein.

In der Erstmaßnahme war es erforderlich, in zwei Abschnitten vorzugehen:

Betreuung der un- und leichtverletzten Kinder, die im Bereich der Einsatzstelle umherliefen bzw. auf dem Rasen saßen
Rettung der Personen im Fahrzeuginneren.

Nach Eintreffen weiterer Rettungsfahrzeuge wurde in der Nähe der Einsatzstelle eine Sichtungsstelle aufgebaut sowie mit Feuerwehr- Mannschaftstransportfahrzeugen die unverletzten Kinder in die Autalhalle nach Niedernhausen gebracht. Hier fand eine umfassende Betreuung der Jugendlichen statt. Die Koordinierung der Einsatzkräfte vor Ort wurde durch den ELW2 des Rheingau-Taunus-Kreises - ca. eine Stunde nach Einsatzbeginn - vorgenommen. Besonders schwierig gestaltete sich die Rettung zweier eingeklemmten Mädchen auf der Rückbank des Busses. Beide waren mit dem Kopf und Oberkörper zwischen der Kopfstütze des Vordersitzes und des eingedrückten Daches eingeklemmt. Durch die Feuerwehr wurde die parallele Sitzreihe entfernt, damit die Einsatzkräfte im Inneren Arbeitsraum hatten.

Auf einer Fläche von ca. 2 - 3 m² fand die Erstversorgung der Verletzten durch einen Notarzt und einen Rettungsassistenten statt. Zwei Feuerwehrmänner kümmerten sich um die technische Befreiung der beiden Mädchen. Als Schwierigkeit stellte sich heraus, daß das hintere Mädchen mit dem Oberkörper im ca. 5° C kalten Wasser lag und es sich abzeichnete, daß eine Befreiung innerhalb weniger Minuten nicht möglich war. Mit sehr viel Fingerspitzengefühl wurden durch die Einsatzkräfte der Feuerwehr Idstein in Absprache mit dem Notarzt weitere Sitzteile mit der Rettungsschere entfernt, so daß nach etwa einer Stunde die erste Person ins Freie gebracht werden konnte. Erst jetzt konnte der Zugang zur zweiten Person geschaffen werden, die innerhalb ca. 20 Minuten aus ihrer mißlichen Lage befreit wurde. Beide Mädchen - sie befanden sich in einem sehr kritischen Zustand - wurden mit den bereitstehenden Rettungshubschraubern in die Uniklinik geflogen. Während das eine Mädchen nach wenigen Tagen von der Intensivstation entlassen werden konnte, verstarb das zweite Mädchen. Nach Abschluß dieser Rettungsmaßnahmen konnte ein totes Mädchen befreit werden, welches durch den Überschlag zwischen einem Baum und dem Bus mit dem Kopf eingeklemmt war. Die komplette Einsatzstelle wurde nochmals von den Feuerwehrkräften abgesucht. Besondere Schwerpunkte waren hier die unzugängliche Toilette sowie der Bereich unter dem Bus.

Nach Freigabe durch die Polizei und die Staatsanwaltschaft Wiesbaden wurde der Bus durch drei Autokräne am Folgetag geborgen und zur Untersuchung des Gutachters auf das Firmengelände eines Abschleppunternehmens gebracht. Alle un- und leichtverletzten Personen wurden durch das niederländische Generalkonsulat noch in der Nacht betreut und am Samstagmorgen nach Hause gefahren. Die Betreuung der Jugendlichen in der Autalhalle wurden durch zwei Ärzte des Notfallver-tretungsdienstes sowie einigen Rettungssanitätern durchgeführt. Zum Einsatz kamen hier auch die "Seelsorger in Notfällen".

Eingesetzte Kräfte

Insgesamt kamen 167 Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren Idstein, Niedernhausen, Oberjosbach, Königshofen, Engenhahn, Bad Schwalbach, Hahn, Neuhof, Rüdesheim, Wehen und Wallrabenstein mit rund 30 Fahrzeugen zum Einsatz. Der Rettungsdienst befand sich mit acht Notärzten, zwei Leitenden Notärzten, 19 RTW, drei Rettungshubschraubern sowie einer Vielzahl von Sonderfahrzeugen aus dem Bereich der Sonder- und Schnelleinsatzgruppen und dem Katastropheneinsatz vor Ort.

Fazit

Aufgrund der vorgefundenen Lage haben die Einsatzkräfte mit einer größeren Anzahl von Schwerverletzten gerechnet. Trotz der beiden Toten ist der Unfall noch relativ glimpflich ausgegangen. Durch den Unfallzeitpunkt (Freitagabend) standen ausreichend Helfer (Feuerwehr, Rettungsdienst) zur Verfügung. Als negativ mußte festgestellt werden, daß die "Einsatzleitung" erst relativ spät gebildet wurde. Aus der Erkenntnis dieses Einsatzes sowie von Großübungen wird im Rheingau- Taunus- Kreis ein Konzept erarbeitet, welches die Erkennbarkeit von Einsatzleitern, Fachberatern und sonstigen Führungskräften verbessert. Angedacht sind farbige Westen mit Aufdruck die nach Notwendigkeit getragen werden können.

folgende Fotos: Stefan Gärth und Grafik Grafik: Dieter Grabsch

Text: Markus Enders



 

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